als multisensuelle Kreativitätstechnik
3. Kapitel
© 2002 by Jürgen W.Kremer
3383 Princeton Drive
Santa Rosa, CA95405
Phone/Fax: +1 707 546 6131
0. Einleitung
Die vorangegangenen zwei
Kapitel haben deutlich gemacht, daß das menschliche Selbst und seine Sinne in
verschiedenen Kulturen wie historischen Perioden unterschiedlich konstelliert
sind. Dieses Kapitel befaßt sich jetzt mit dem komplexen menschlichen
Bewußtseinspotential der Trance, einem von vier möglichen Bewußtseinszuständen.
Heutzutage ist die Formel „alternative Bewußtseinszustände“ oder altered
(veränderte) oder alternate (alternative) states of consciousness (die
Abkürzung ASC wird auch in diesem Text gebraucht) als Sammelbegriff für
das Spektrum unterschiedlich induzierter integrativer Bewußtseinszustände mehr
gebräuchlich. Die Trancefähigkeit und die entsprechenden kulturgebundenen
Techniken der Trancebenutzung stellen eine grundlegende Möglichkeit des unlearning,
des Verlernens (Freeman 2000) dar (der Schlaf mit seinen REM Phasen ist eine
andere). Verlernen ist für ein intentional und bedeutungsvoll strukturiertes
Bewußtsein unabdingbar und transformatives Lernen ist ohnedem nicht denkbar.
Die Trance eröffnet durch ihr Verlernungs- und Integrationspotential einen
langbewährten Weg multisensuelle Kreativität zu katalysieren. Hier finden wir
den Schamanen und sein holistisches Gesundheits- und Weltverständnis als einen
Archetyp des multisensuellen Designers. Nach kulturhistorischen und
interkulturellen Betrachtungen befassen wir uns jetzt mit den inneren
Mechanismen eines Bewußtseinsprozesses, der für die gezielte Produktion
multisensuellen und holistischen Wissens als höchst fruchtbar betrachten werden
kann. Wir klopfen also die Trance auf ihre Nutzbarkeit als Kreativitätstechnik
für multisensuelles Design ab.
Dieses Kapitel hat die
folgenden Ziele:
1) Definition von Trance im Kontrast zu anderen
veränderten Bewußtseinszuständen (ASC).
2) Beschreibung von wesentlichen psychosoziobiologischen Dimensionen des menschlichen Bewußtseins.
3) Beschreibung der
Physiologie von Trancezuständen.
4) Diskussion von
Trancephasen, durch visuelle Designs veranschaulicht.
5) Diskussion des Nexus
Schamanismus - Trance.
6) Beschreibung
psychophysiologischer Prozesse von Tranceheilungen.
7) Beschreibung von
schamanischem Heilen als multisensuelles Design.
8) Abschließende Bemerkungen über Trance als Kreativitätstechnik in der Entwicklung von multisensuellen Designs.
Dieses Kapitel gibt eine
Kurzübersicht und Interpretation von Trancezuständen, die auf meinen eigenen
psychologischen und anthropologischen Beobachtungen (die auf Besuchen
insbesondere bei den Pomos, Miwoks, Hopis, Diné (Navajos) und Samis sowie Begegnungen mit sibirischen und anderen
Schamanen sowie einem intensivem Literaturstudium beruhen. Die gegenwärtig beste und aktuellste
Übersicht enthält Michael Winkelmans Buch Shamanism – The neural ecology of
consciousness and healing (2000), ein Text den man also die moderne Version
von Mircea Eliades klassichem Text Shamanism – Archaic techniques of ecstasy
(1964) betrachten kann. Dieses Buch
entwickelt den von Laughlin, McManus und d’Aquili (1990) beschriebenen
neurophänomenologischen Ansatz weiter. Das Studium der Arbeiten von Charles
Tart (1975), Roger Walsh (1990), Stanley Krippner (z.B. Villoldo & Krippner
1986), Felicitas Goodman (1988, 1990) und Erika Bourguignon (1973) ist in den
nachfolgenden Beschreibungen reflektiert. (Detaillierte Nachweise für die
Graphiken dieses Kapitels befinden sich am Textende.)
1. Trance und andere veränderte Bewußtseinszustände
Wir können vier menschliche Bewußtseinszustände
unterscheiden:
1)
Tiefschlaf.
2)
Traumschlaf.
3)
Wachsein.
4)
Integrative
Bewußtseinszustände.
Die Gruppe der integrativen Bewußtseinszustände
(Trancen oder alternate states of consciousness, ASC) kann grob
in drei Kategorien unterteilt werden:
1) Religiöse
Trance.
2)
Besessenheitstrance.
3)
Meditative Zustände.
Diese drei
Bewußtseinszuprozesse können als integrativ bezeichnet werden, im Gegensatz zu
den Prozessen des modernen Menschen, die normativ-dissoziativ oder monophasisch
sind (mit der Emphase auf dem Wachsein).
Religiöse Trance oder
schamanische Trance oder Trance (ich benutze diese Begriffe synonym) ist mit
der schamanischen Reise, der Visionssuche (vision quest) und dem Seelenflug
assoziert. Sie werden durch Singen, Chanten, Fasten und andere Entsagungen oder
sogenante Psychointegratoren induziert (pflanzliche Halluzinogene oder
synthetische Äquivalente). Das
sympathische Nervensystem wird bis zur Erschöpfung manipuliert, so daß es in
einen parasympathischen Prozeß kollabiert.
Visionen erscheinen in der Folge und werden als Seelenreise
interpretiert. Im Gegensatz zur
Besessenheitstrance hat das Subjekt (z.B. der Schamane) weitgehend Kontrolle
über die Geister, die in der Erfahrung auftauchen. Schamanische Trance wird oft als eine Art prähistorischer
Bewußtseinszustand betrachtet und dann abwertend mit „primitiven Stämmen“ im
Zusammenhang gesehen (wobei dann gegenwärtige indigene Stämme abwertend als
prähistorische Überbleibsel angesehen werden).
Erfahrungen schamanischer Trance können in der Regel voll erinnert
werden (Teile der Erinnerung können state specific bleiben, d.h. sie
können allein mit Hilfe desselben veränderten Bewußtseinszustand wieder
abgerufen werden).
Die Besessenheitstrance (possession trance) ist mit Amnäsie, Konvulsionen und spontanen Anfällen assoziiert (im Folgenden benutze ich den Begriff Trance nicht für Besessenheitstrance; Besessenheitstrance wird immer bei ihrem vollen Namen genannt). Wir finden sie z.B. beim Voudoun in Afrika oder in der Karibik oder in Brasilien und in den Pfingstkirchen. Die Besessenheitstrance ist durch vorwiegend auditorische Erfahrungen (im Gegensatz zu den prädominant visuellen Erfahrungen der religiösen oder schamanischen Trance) sowie durch die Erfahrung von Geistern, die die Person dominieren, charakterisiert. Der Bewußtseinsprozeß liegt erfahrungsmässig außerhalb der Kontrolle des Individuums. Der Beginn der Besessenheitstranceerfahrung kann grob durch hilfreiche Stimuli und Umgebung gesteuert werden, jedoch erfolgt der präzise Beginn spontan; das Ende der Besessenheitstrance ist weitgehend unkontrolliert und kann in Verbindung mit Erschöpfung gesehen werden. Mediumistische Seher begeben sich in Besessenheitstrance. In der Regel erinnern sich Individuen nach einer Besessenheitstrance nicht an die Inhalte der Erfahrung. (Hypnotische Phänomene sind entweder der Trance oder der Besessenheitstrance zuzuordnen, je nach Bewußtheitsgrad der hypnotisierten Person.)
Trance und Besessenheitstrance werden in der Literatur analytisch scharf getrennt, jedoch existieren in der Praxis Mischformen. Z.B. sind bei Trancen sibirischer Schamanen oft klare Elemente der Besessenheit beobachtbar. Ähnliches habe ich auch bei den nordkalifornischen Pomos gesehen.
Meditative oder yogische Zustände sind im Vergleich zur schamanischen Trance durch größere Selbstkontrolle und Konzentration, geringe Erregung, Ruheerlebnis, emotionale Distanz, Verlust des Selbstgefühls, größere Bewußtheit sowie eher inhaltslose Erfahrungen zu charakterisieren. Ziele sind hier Entspannung, psychologische und philosophisch Einsicht und letztlich die Erleuchtungserfahrung (Nirwana).
Walsh (1990) hat Schlüsseldimensionen für die Kartographie von Trancezuständen (ASC) benannt. Kontrolle, Umweltbewußtsein, Kommunikationsfähigkeit, Konzentration, Erregung, Ruhe, Emotionalität, Identitätsgefühl, An- oder Abwesenheit von körperlosen Erfahrungen sowie die Organisation der Erfahrungsinhalte, ihre Intensität und Sinnesmodalität, haben sich als nützliche Dimensionen erwiesen um diese drei Bewußtseinszustände (ASC) zu unterscheiden. (Nachfolgende Tabelle nach Walsh 1990, 218-219.)
|
Grad der Kontrolle |
--- Fähigkeit den ASC anzufangen und zu beenden. --- Fähigkeit die Erfahrung während des
ASC zu kontrollieren. |
|
Bewußtheit der Umgebung |
Ist die Umweltswahrnehmung reduziert? |
|
Kommunikationsfähigkeit |
In welchem Ausmaß ist es der Person im ASC
möglich mit anderen Menschen zu kommunizieren? |
|
Konzentration |
--- Grad oder Intensität der Konzentration. --- Konzentration auf ein einziges Objekt
fixiert (Samadhi) versus momentane, fließende, wechselnde Konzentration auf
eine Reihe von Objekten (schamanische Reise). |
|
Erregung |
Grad der Erregung oder Energie. |
|
Ruhe |
Nicht nur niedrige Erregung, sondern auch
Unstörbarkeit und wenig agitiert. |
|
Emotionen |
Angenehm versus unangenehm. |
|
Identitätsgefühl |
Gewöhnliches Identitätsgefühl versus Erfahrungen
der Loslösung der Seele vom Körper oder Einheit mit allen Dingen. |
|
Körperlose
Erfahrungen (OOBE,
Out-of-body experiences) |
Wahrnehmungserfahrungen von einer Warte, die
außerhalb des Körpers liegt. |
|
Erfahrungsinhalte: |
|
|
---
Grad der Organisation |
Ungeordnetes Gedanken- und Bilderfeld versus bedeutungsvolle
Sequenzen. |
|
---
Sinnesmodalität |
Primär auditiv, visuell, somatisch, etc.? |
|
---
Intensität der Wahrnehms-
objekte |
Subtil, undeutlich, kaum wahrnehmbar versus
intensiv und überwältigend. |
Wir können diese Dimensionen jetzt benutzen
um die schamanische Trance, die Bessenheitstrance und meditative Zustände
(Vipassana Meditation und Yoga in der Tradition von Patanjali) zu
kartographieren (die folgende Tabelle ist eine erweiterte Version der Präsentation
von Walsh 1990, 230).
|
Dimension |
Schamanische Trance |
Besessen- heits- trance |
Vipassana Meditation (Buddhismus) |
Yoga (Patanjali) |
|
Kontrolle über Beginn & Ende des ASC |
Ja |
|||
|
Kontrolle über Erfahrungsinhalt |
Teilweise |
Gering |
Teilweise |
Extreme
Kontrolle in einigen Samadhis |
|
Umweltswahr-nehmung |
Reduziert |
Erhöht |
Sehr reduziert;
sensorische & somatische Bewußtheit |
|
|
Kommunikations-fähigkeit |
Manchmal |
Ja |
Gewöhnlich |
Keine |
|
Konzentration |
Erhöht,
fließend |
Erhöht,
fließend, unbewußt |
Erhöht,
fließend |
Sehr erhöht,
fixiert |
|
Erregung |
Erhöht |
Erhöht |
Gewöhnlich
reduziert |
Sehr reduziert |
|
Ruhe |
Reduziert |
Reduziert |
Gewöhnlich
erhöht |
Signifikant
erhöht,extreme Ruhe |
|
Affekt |
Positiv oder
negativ |
Positiv oder negativ |
Positiv oder
negativ Positiver mit
zunehmender Praxis |
Sehr positive Gefühle
unbeschreiblicher Glückseligkeit |
|
Identitätserfahrung |
Separate Selbsterfahrung,
entkörperte “Seele” |
Entleerter Körper, alternative Identität regiert |
Selbst
dekonstruiert, ständig wechselnder Fluß des „Nicht-Selbst“ |
Unveränderliches, transcendentes
Selbst, Purusha |
|
Out-of-Body Erfahrung |
Ja. Kontrollierte
Ekstase |
Nein Unbewußt- sein |
Nein |
Nein; Verlust
von Körper-bewußtsein Enstase |
|
Erfahrungsinhalt |
Organisiert,
kohärent, Inhalte durch schamanische Kosmologie und Intentionen determiniert |
Organisiert, kohärent Glossolalia |
Dekonstruktion
komplexer Erfahrungen in konstitutive Stimuli, die weiter in kontinuierlichen
Fluß dekonstruiert werden |
|
|
Dimension |
Schamanische Trance |
Besessen- heits- trance |
Vipassana Meditation (Buddhismus) |
Yoga (Patanjali) |
Veränderte
Bewußtseinszustände (ASC) können auf die verschiedenste Weise induzierte
werden:
---
Trommeln;
---
Chanten;
---
Singen;
---
Tanzen;
---
Stimulanzien;
---
Psychointegratoren (pflanzliche Halluzinogene);
---
Alkohol;
---
Sinnesstimulation;
---
Sinnesdeprivation;
---
Fasten;
---
Temperaturextreme;
---
Erschöpfung;
---
Unterbrechung des normalen Lebensrhytmus (Wachsein in der Nacht);
---
emotionale Manipulation;
---
intensive Konzentration;
---
Körperhaltung;
und eine Reihe andere
Induktionsmethoden.
Die verschiedenen Induktionsmethoden resultieren in ähnlichen Reaktionen im Gehirn, zentral ist:
Sie evozieren langsame Gehirnwellen im limbischen System, die dann das
Stirnhirn synchronisieren und dominieren.
Dieser physiologische Prozeß ist den drei grob charakterisierten veränderten Bewußtseinszustände gemeinsam, jedoch unterscheiden sie sich in anderen physiologischen, phänomenologischen und subjektiven Dimensionen.
Dieser integrative Bewußtseinszustand mit Ursprung im limbischen System steht im Kontrast zum Wachsein, das durch das Stirnhirn (Frontalhirn), die linke Hirnhemisphäre sowie logische, rationale und verbale Erfahrungen charakterisiert ist. Diese Qualität der Wachheit kann, z.B. im Vergleich zur Wachheit bestimmter schamanischer oder meditativer Tranceerfahrungen, als normative Dissoziation verstanden werden, d.h. eine Abschottung oder Dissoziation von integrativen Bewußtseinszuständen (die im Kontrast eine fluide Selbsterfahrung eingebettet in die Umwelt beinhalten) und eine monophasische Betonung der wachen, normativen Alltagserfahrung. Die veränderten Bewußtseinszustände erlauben Zugang zur Integration von symbolischen und physiologischen Systemen.
Nach Abschluß dieser Kontextualisierung konzentriert sich dieser Beitrag auf Trance (religiöse oder schamanische Trance), jedoch nicht die Besessenheitstrance oder meditative Zustände.
Die Induktion von Trance
kann einfach und direkt durch repetitives, gleichmässiges schnelles Trommeln
vorgenommen werden (205-220 Schläge pro Minute). Michael Harner (1980) hat
diese Art von Induktion popularisiert und als core shamanism (Kernschamanismus) bezeichnet. Diese einfache Art der Induktion ist
effektiv und ermöglicht Individuen tiefe und bedeutungsvolle Erfahrungen. Sie ist im Bereich der New Age Bewegung weit
verbreitet worden. Core shamanism unterscheidet sich jedoch in vieler Hinsicht von der
Praxis indigener Völker. Dort kann
Trance am besten als eine holistische, ganzheitliche Gestalt verstanden werden,
die multidimensional durch eine Reihe von Induktionen im Rahmen eines
reichhaltigen rituellen und mythischen Systems hervorgerufen wird (im zweiten
Kapitel haben wir eine Reihe von Andeutungen für den Reichtum der Möglichkeiten
gegeben).
Im indianischen
Sonnentanz (sun dance) der Plains
Indianer, zum Beispiel, finden wir eine viertägige Zeremonie, die nach langen
Vorbereitungen (inkl. Schwitzhütten direkt vor Beginn) und Entsagungen
(sexuelle Abstinenz) stundenlanges Tanzen, ununterbrochenes Singen unter
Trommelbegleitung, Entsagung von allem Essen und Trinken, sowie das Opfern von
Fleisch und Haut der Tänzer beinhaltet.
Diese Art von Trancezeremonie ist also qualitativ wesentlich intensiver
als die Trommelreise des core shamanism in einem Konferenzsaal. Gleichzeitig ist der Sonnentanz nicht nur
von individueller Bedeutung, sondern er ist eine Gemeinschaftszeremonie der
Welterneuerung, die tief mit der mythischen Struktur der Plains Stämme
verbunden ist (Adepten des Kernschamanismus entbehren eine vergleichbare
mytho-ideologischen Einbettung).
Die Visionssuche, der vision fast, ist gleichfalls ein
komplexes Unterfangen, in dem die Trance durch Trockenfasten (d.h. ohne Wasser
und Essen) sowie Isolation in der Natur induziert wird (häufig innerhalb eines
kleinen Steinkreises, einer Grube oder einer Höhle). Die Schamanen begleiten die Initianden und helfen bei der
symbolischen oder mythologischen Interpretation des Erlebnisprozesses.
Die Zeremonien der
Pomo-Miwok Stämme sind gleichfalls ein holistisches Unterfangen. In ihren
großen round houses (Rundhäuser), zwanzig und mehr Meter
im Durchmesser, kombinieren sie weya
Gesänge, Gebete sowie Instruktionen mit Tänzen ums Feuer. Weya ist ein
Begriff der nicht einfach zu übersetzen ist; sein semantischer Raum reicht von
Lebensenergie und Kraft bis Liebe. Außenseiter werden unter bestimmten
Umständen und bei bestimmten Gruppen willkommen geheißen, jedoch sind es
vorwiegend die Stammesmitglieder, die singen und tanzen. Die schamanische oder
religiöse Trance, die auf diese Art und Weise erreicht wird, ist in mancher
Hinsicht subtil, kann jedoch auch Aspekte der Besessenheitstrance annehmen. Die
jahreszeitlich strukturierten Zeremonien (Erbeerfest, Eichelfest, etc.)
beginnen ganz langsam während Kinder umher laufen und spielen und Gespräche auf
den Bänken fortgeführt werden. Nach einigen Stunden jedoch, während die
Zeremonie langsam jenseits von Mitternacht weitergeht, findet man sich
plötzlich zutiefst in eine Trance verwickelt und die Schamanen, Männer und
Frauen, leiten die Heilungsprozesse derjenigen, die unter Krankheiten oder
psychologischen Wunden leiden.
Tart (1975) hat in
seinem klassischen Text States of Consciousness die wesentlichen
Faktoren beschrieben, die die psychedelische Tranceerfahrung beeinflußen. Diese
Faktoren sind für andere Trancezuständen gleichsam relevant. Wir können
zwischen Langzeitfaktoren, unmittelbaren und situativen Faktoren unterscheiden.
Diese Konstellation von Faktoren beeinflußt wie die Tranceerfahrung
eingeleitet, erfahren, beendet und hinterher bewertet wird.
Unter den Langzeitfaktoren
ist es wichtig zu fragen: Ist ein Individuum kulturell einer bestimmten
Tranceerfahrung gegenüber positiv oder negativ disponiert? Handelt es sich um
eine extrovertierte oder introvertierte Person? Sind belastende
Lebenserfahrungen virulent oder unterdrückt? Wie hoch ist die physiologische
Sensibilität oder Empfänglichkeit für Trancezustände und bestimmte Induktionsweisen?
Auf welche Lernerfahrungen hinsichtlich des Umgangs mit Transzuständen kann
zurückgegriffen werden?
Unter den unmittelbaren
Faktoren finden wir Erwartungshaltung (positiv versus negativ), Stimmung
und Wünsche (Intentionen für die Erfahrung).
Situativ sind dann die Umgebung (angenehm, gemütlich versus ungeschützt,
unkontrolliert, auf der Straße), die soziale Situation (alleine, in einer
Gruppe von Freunden, mit Personen wo es an Vertrauen mangelt, etc.),
Unterweisungen für die Tranceerfahrung (fühlt sich der Trancer voll informiert,
weiß er/sie was zu erwarten ist, Kontrollmöglichkeiten, etc.) und die
impliziten Erwartungsanforderungen (hinsichtlich des Verlaufs, der Intensität,
der Sensationalität, etc. der Erfahrung) in Betracht zu ziehen.
Die Tranceerfahrung
selber mag sich einerseits in beobachtbarem Verhalten niederschlagen (z.B.
Tanzbewegungen, Handauflegen, Zuckungen), andererseits in verbalen
Erfahrungsberichten (in der nachfolgenden Illustration das Erscheinen des
mythischen Rabens, der etwas im Schnabel bringt); jedoch mögen bestimmte Teile
der Erfahrung Worten nur schwer zugänglich sein (eingebettet im Grund der
Erfahrung, dem Sand in der nachfolgenden Illustration). Diese drei Aspekte der
Erfahrung beeinflussen dann zukünftige Tranceerfahrungen durch das Feedback,
daß sie geben, und können so zur Modifikation von situativen, unmittelbaren wie
auch langzeitigen Faktoren führen. Trancezustände sind erlernbar und durch
Lernen modifizierbar, auch wenn bestimmte Individuen leichteren Zugang zu
diesen ASC haben.

Abb. 1.1 Einflußfaktoren der
Tranceerfahrung
(frei nach Tart)
Trance ist ein normales
Potential des Menschen. All Versuche diesen integrativen Bewußtseinsprozess zu
pathologiesieren sind als gescheitert anzusehen. Im Licht der Trance, im
Einklang mit indigenen Perspektiven, erscheint der Bewußtseinsprozess des
modern Menschen als pathologisch, da er normativ integrative
Bewußtseinsprozesse (Trance, Besessenheitstrance und meditative Prozesse)
auszuschalten sucht. Das gegenwärtige
Interesse an meditativen Traditionen und Schamanismus kann als Rückkehr des
natürlichen menschlichen Bedürfnisses nach integrativen Bewußtseinszuständen
interpretiert werden. Die Drogenkultur
der Sechziger Jahre, insbesondere die Benutzung von LSD, sowie die rock sessions von Bands wie die Grateful Dead, können als ein weiteres
Symptom dieses normalen Bedürfnisses nach alternativen und integrativen
Bewußtseinsprozessen verstanden werden. Häufig drückt sich dieses Bedürfnis in
einer romantisierenden oder nostalgischen Form aus, da die moderne Gesellschaft
nicht mehr die notwendigen Strukturen bereithält um integrative Prozesse
anzuleiten und konstruktiv zu unterstützen (Tranceerfahrungen in indigenen
Gesellschaften sind in komplexe rituelle Vorgänge und mythologische Strukturen
eingebettet). Romantisierung und Nostalgie sind die Konsequenz der
langwährenden Unterdrückung eines natürliches Bedürfnisses und einer normalen
Kapazität des menschlichen Hirns. Trance ist ein Ausdruck des
psychosoziobiologischen Potentials des Menschen. In der Vergangenheit wurde es
weltweit aktualisiert (cf. Bourguignon 1973), während es heute hauptsächlich
nur von indigenen Völkern und in meditativen Traditionen in akzeptablen Formen
praktiziert wird; in modernen Gesellschaften ist es ein Minoritätsunterfangen
ist. Multisensuelles Design enthält die Möglichkeit Tranceprozesse wieder
gezielt und konstruktiv in Gemeinschaftsprozesse zu integrieren und produktiv
zum Wissensgewinn zu benutzen. Christliches Dogma ist durch wissenschaftliche
Forschung im Laufe der Aufklärung diskreditiert worden. Dies läßt jedoch die
religiösen oder spirituellen Bedürfnisse der Menschen unbefriedigt. Trance
ermöglicht spirituelle Erfahrungen (i.e. integrative Bewußtseinszustände), die
nicht auf Dogma und Glauben basieren, sondern mit einem demokratischen Modell
des Individuums vereinbar sind. Dieser integrative Bewußtseinsprozeß beinhaltet
die Möglichkeit Individualismus und soziale Kommunikationsfähigkeit zu
ntegrieren.
2. Trance und die Natur des menschlichen Bewußtseins
Bewußtsein ist ein System komplexer Prozesse. Es steht im Dienste des Selbsts. Das Selbst ist die Autorepräsentation des Organismus für den Organismus. Das sensorische Selbst kann vom narrativen Selbst unterschieden werden. Bewußtsein beinhaltet einen inneren Dialog, der sich mit den Mitmenschen und den diversen sozialen Situationen auseinandersetzt. Wichtig ist, daß dieser innere Dialog nicht nur verbal stattfindet, sondern auch visuelle und kinästhetische Bilder benutzt, d.h. im sogenannten präsentierenden Modus stattfindet (im Gegensatz zum repräsentierenden Modus). Selbstbewußtsein entwickelt sich zuerst auf der Basis dieser grundlegenden präsentierenden Modalitäten, die sich in der Nachfolge zu den repräsentierenden, rationalen Modalitäten fortbilden. Diese tieferliegenden Selbstbewußtseinsprozesse können mit Hilfe von Symbolen, Metaphern und Mythen erreicht werden (jedoch nicht allein unter Benutzung von linearem, rationalem Denken).
Trance ermöglicht
Adaptionen zwischen menschlichem Innenleben, Mitmenschen, und kulturellen
Bedeutungssystemen und neurognostischen Strukturen des Bewußtseins. (Neurognostische
Modelle bestehen aus verbundenen Neuronennetzwerken –
dentritisch-axonisch-synaptischen Verbindungen zwischen Nervenzellen - und den
begleitenden Zellstrukturen, die innerhalb eines Feldes von neuralen Prozessen
existieren; sie erarbeiten rudimentäre Formen des Wissens über Selbst und
Umwelt; Laughlin et al. 1990.) Die Trance kontrastiert den gewöhnlichen
Wachzustand (verbal, rational, external orientiert) mit einem Prozeß der
Innenorientierung, Intuition sowie holistischen, tacit (stillschweigenden), nonverbalen Wahrnehmungen und
Bedeutungen. Ein solcher Prozeß wird gewöhnlich mit den Etiketten ‚unbewußt’
und ‚intuitiv’ belegt. In den eurozentrierten Traditionen sind diese Prozesse
weitgehend unterbewertet und in den Bereich der Kunst, des Privatlebens und der
Religion abgeschoben, bei gleichzeitiger Betonung rationaler Denkprozesse.
Trance ist auch heute häufig noch mit Hexenglauben, Pathologie, Kulten und
Drogenmißbrauch assoziiert.
Bourguignons
Untersuchungen (1973) sind in dieser Hinsicht wichtig, da sie zeigen, daß
alternative Bewußtseinzustände (Trancen) ein weltweites Phänomen sind,
hauptsächlich in Verbindung mit Schamanentum. Schamanen sind vorwiegend bei
(nomadischen) Sammler und Jäger Gesellschaften sowie in Hortikulturen
anzufinden. Sie repräsentieren eine ökologisch spezifische Adaption des
menschlichen psychosoziobiologischen Potentials auf der Basis der Trance oder
von ASC (altered oder alternate states of consciousness). Der Schamane ist ein Trance-Experte und Navigator alternativer
Bewußtseinszustände. Schamanische Trance erlaubt eine Integration von
kognitiven, emotionalen und verhaltensmässigen Kapazitäten durch eine
psychophysiologische Manipulation des menschlichen Gehirns. Der Wunsch nach
Bewußtseinsveränderungen ist ein angeborenes, biologisches menschliches
Bedürfnis von großer adaptiver Bedeutung. Psychointegrative Prozesse (Trance
oder ASC) erlauben die Ausbalancierung von problematischen inneren Zuständen
(psychologische Dimension), kommunalen Zuständen (soziale Dimension) und
ökologischen Zuständen (Adaption an die Umwelt). McKenna (1992) geht sogar
soweit zu postulieren, daß die menschliche Sprache ihre Entstehung der
Vereinnahme von Psychointegratoren zu verdanken hat.
Wahrnehmungstheoretiker
fallen grob gesehen in zwei Lager: Materialisten und Kognitivisten sehen
Wahrnehmung als einen passiven Prozeß an, während Pragmatiker sie als einen
aktiven Prozeß verstehen (Freeman 2000, 95ff.).
Für Materialisten und
Kognitivisten, in verkürzter Darstellung, beginnt der Wahrnehmungsprozeß mit
einem Stimulus, der Information gibt, die dann durch den Hirnstamm über den
Thalamus in den sensorischen Kortex übermittelt wird. Sie wird dann als Objekt
repräsentiert. Von dort wird die für am besten befundene Darstellung ins
Frontalhirn übergeleitet, wo über eine angemessene Reaktion entschieden wird.
Der motorische Kortex sendet dann einen ensprechenden Befehl über den Hirnstamm
und das Rückenmark an die entsprechenden Muskeln. Bemerkenswerte Seitenschleifen
sind eine aufwärtgerichtete Schleife durch die Retikulärformation im Hirnstamm
und den Thalamus (bewirkt Erregung und selektive Aufmerksamkeit) und eine
Schleife durch das Cerebellum, die Verhalten detailliert moduliert, sowie eine
nach unten gerichtete Schleife, die emotionale Schattierungen bewirkt und die
Sekretion von emotionsspezifischen Neurohormonen kontrolliert.
Für Pragmatisten ist
Wahrnehmung ein aktiver Prozeß in dem wir eine Haltung der Aufmerksamkeit und
Erregung einnehmen. „Diese Haltung verkörpert eine Hypothese, die durch die
intentionale Dynamik im limbischen System initiiert wird ... und durch eine
nachfolgende Entladung an alle sensorische Kortices in einem Prozeß der
Präafferenz übermittelt wird. Die Ankunft von Stimuli bestätigt oder verwirft
die Hypothese ... Der intentionale Fokus liegt im limbischen System, nicht im
Thalamus oder Frontalhirn, da der Hippocampus die neurale Maschinerie besitzt
intentionales Verhalten im Raum-Zeit-Kontinuum zu dirigieren“ (Freeman 2000, 97).
Dieses Modell weist auf die Wichtigkeit multisensorischer Konvergenz im
entorhinalen Kortex hin. Freemans Theorie, die wesentlich auf seinen extensiven
olfaktorischen Untersuchungen beruht, ist mit der Interpretation der Trance,
die ich in diesem Kapitel darstelle, kompatibel und als Ansatz hilfreich.
Das menschliche
Bewußtsein hat einen weites Spektrum von Kapazitäten, die in der Interaktion
von biologischem Potential und erlernten symbolischen Repräsentationen
aktualisiert werden. Das rationale, reflexive Bewußtsein is im Gegensatz zum
Trancezustand ein Prozeß, der nicht einbindend, vereinigend oder integrativ
ist. Bewußtsein kann nur mit Hilfe eines systemtheoretischen und
neurophänomenologischen Ansatzes (Laughlin et al. 1990, Winkelman 2000) hinreichend
verstanden werden, da es ein Verständnis der Beziehung zwischen dem Gehirn und
den sozial konstruierten Erfahrungen bedarf. Freeman, Ellis und viele andere
haben darauf hingewiesen, daß es Bedeutung,
nicht Sinnesinformation ist, die unsere Aufmerksamkeit strukturiert. Bedeutung prädisponiert unsere
Wahrnehmungen.
Baars, Ellis und andere
haben die Bewußtseinsprozesse in verschiedene Bestandteile unterteilt: Aufmerksamkeit ist die Fähigkeit
verschiedene Formen von Repräsentation
oder Information (Empfindungen,
Wahrnehmungen, Bilder, Sprache) handzuhaben, in Abhängigkeit von der Fähigkeit Muster wiederzuerkennen. Bewertungen sind von Wünschen, Emotionen und Bedeutungen
motiviert, die der Organismus zuordnet um Beziehungen
zur Umwelt zu managen auf der Basis der Erfahrungen des Wissenden oder Selbsts.
Das
folgende Schema (aus Tart 1975, 90) illustriert wie die verschiedenen
Subsysteme des Bewußtseins und ihre prinzipiellen Interaktionsrouten
systemtheoretisch verstanden werden können.

Abb. 2.1 Wesentliche Subsysteme menschlicher
Bewußtseinsprozesse mit prinzipiellen Routen des Informationsflusses
Dünner Pfeil: wesentliche Feedback-Kontrollrouten
(ein Subsystem hat teilweise Kontrolle über ein anderes); dicker Pfeil:
wesentliche Routen des Informationsflusses; gestrichelter Pfeil: Routen im
Vorbewußten.
Bewußtseinsprozesse
entwickeln sich durch reziproke Verursachung -- nicht nur haben physische und physiologische
Zustände einen Einfluß auf unsere Wahrnehmung (upward causality), sondern rituell aktivierte Symbole, Metaphern
und Mythen können einen Einfluß auf physiologische und physische Zustände
nehmen (downward causality). Dies heißt, daß Bedeutung und
psychobiologisches Funktionieren verbunden sind. Deshalb ist es wichtig das Verständnis dieser reziprok
verbundenen Dimensionen in einem neurophänomenologischen Ansatz einzubinden.
Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat gezeigt wie wichtig der Einfluß von
sozialen Beziehungen auf Gesundheit, Krankheitsanfälligkeit und Sterblichkeit
ist. Die Kategorie der Bedeutung hat sich zunehmend als eine zentrale
Schaltstelle im Bewußtseinsprozess erwiesen. Dabei ist es wesentlich sich daran
zu erinnern, daß Bedeutung nicht nur in den Schichten der später gelernten
repräsentierten Bewußtsprozesse erhalten wird, sondern auch (und fundamental)
in den präsentierenden Bewußtseinsmodalitäten.
3. Physiologische Grundlagen von Trancezuständen
Die Struktur des menschlichen
Gehirn kann hilfreich, wenngleich vereinfachend, mit MacLean folgendermassen
beschrieben werden (ohne notwendigerweise seine gesamte Theorie unkritisch zu
übernehmen; cf. z.B. Freeman 1995, 168-169):
1) Das
Reptilhirn, der R-Komplex oder das organische Gehirn.
2) Das
paläomammalische Gehirn.
3) Das
neomammalische Gehirn.

Abb. 3.1 MacLeans Modell des dreiteiligen Gehirns (triune brain)
(Verändert nach Laughlin et al. 1990, 71.)
Das Reptilhirn besteht aus dem oberen Rückenmark, dem Mesenzephalon (Mittelhirn), dem Dienzephalon (Thalamus-Hypothalamus) und den Basalzellen. Das Reptilhirn reguliert Organfunktionen wie Metabolismus, Verdauung und Atmung. Es ist für Wachheit, Aufmerksamkeit und die Regulation und Koordination von Verhalten verantwortlich.
Das paläomammalische
Gehirn basiert auf den evolutionären Entwicklungen im limbischen System,
das den evolutionären Unterschied zwischen Reptilien und Säugetieren darstellt.
Dieser Teil des Gehirns ist die Basis des sozialen Verhaltens, der nonverbalen,
emotionalen und analogen Informationsverarbeitung. Es funktioniert sozusagen
als Gefühlshirn und vermittelt zwischen Affekten, Sexualität,
Selbstverteidigung und Aggressionsverhalten, Bonding und Attachment (emotionale
Bindungen) und dem Gefühl des eigenen Selbsts welches die Basis für
Überzeugungen, Glaubensvorstellungen, Annahmen und Gewißheiten darstellt.
Das neomammalische Gehirn (Telenzephalon oder Neokortex) ist Charakteristikum der hominiden Evolution. Es ist die Basis für hochentwickelte Symbolprozesse, Kultur, Sprache, Logik, rationales Denken, analytische Prozesse und komplexe Problemlösungsvorgänge.
MacLean schreibt diesen
anatomischen Strukturen unterschiedliche Funktion zu. Das Reptilhirn produziert
Protomentation, das paläomammalische Emotiomentation und das neomammalische
Gehirn Ratiomentation. Das Reptilhirn
generiert die grundlegenden Handlungsabläufe und Aktionen des Körpers. Das paläomammalische
Gehirn generiert die emotionalen Einflüsse auf Denken und Verhalten. Das neomammalische
Gehirn benutzt hochentwickelte Symbolfähigkeiten um die grundlegenden
Handlungsabläufe und Emotionen mit anderen Informationsprozessen zu
integrieren.
Im Folgenden drei
Hirnansichten (von der Seite, im Querschnitt und von unten), die diese
Strukturen im Detail identifizieren.

Abb. 3.2 Seitenansicht des Zerebralkortex.
Gezeigt sind die vier Gehirnlappen. Der
primäre motorische Kortex befindet sich am Ende des Frontallappens. Der
somatosensorische Kortex befindet sich am Anfang des Parietallappens.
(Farthing 1992, 93)

Abb. 3.3 Querschnitt des menschlichen Gehirns (Farthing 1992, 92)

Abb. 3.4 Das menschliche Gehirn von unten gesehen
Von den fünf Gehirnlappen sind nur drei
von unten sichtbar. Der entorhinale Kortex ist ein Teil des Temporallappens; er
ist die Hauptquelle für Input in den darüberliegenden Hippocampus.
Olfaktorischer Input geht direkt von den olfaktorischen Stengeln in den
entorhinalen Kortex. Alle anderen Sinne hingegen machen einen Umweg durch den
Hirnstamm zu den Basalzellen und dem Kortex. (Freeman
2000, 7)
Hunt (1995) hat auf drei Konvergenz- oder Integrationszonen hingewiesen. Dies sind Bereiche der Synthese und polymodalen Informationsintegration.
1) Der erste
Konvergenzbereich erlaubt dem Organismus primäres Bewußtsein, ein Zustand der
durch den Thalamus vermittelt wird. Die retikuläre Formation und der Thalamus
sind wahrscheinlich die einziges Bestandteile des Gehirns, die für den
Wachzustand unabdingbar sind. (S. Abb. 3.3)
2) Die
zweite Konvergenzzone ist die Basis eines entwickelteren Gedächtnises. Der
Hippocampus und die Amygdala im limbischen System stellen die Basis dafür dar
sowie für bildhafte Antizipation und Erinnerung. Dieser Bereich erlaubt Bewußtseinsqualitäten
die vom Selbst, Anderen, Gesellschaft und Emotionen angereichert sind. (S. Abb.
3.4, 3.3, 3.1)
3) Die
dritte Konvergenzzone befindet sich im tertiären Neocortex, insbesondere in der
rechten Hemisphäre. Hier findet die Integration und Reorganisation der
verschiedene Wahrnehmungsmodalitäten statt. Sie ist zentral für symbolische
Kognition und Selbstbewußtsein. (S. Abb. 3.2)
Die Interaktion der verschiedenen Aspekte des Gehirns basiert nicht primär auf einer verbalen Sprache, sondern auf anderen Formen der Mentation, sozialen Repräsentation und symbolischen Information. Diese vermitteln, kanalisieren und lösen dann physiologische Prozesse aus.
Die Matrix von
angeborenen Trieben und Bedürfnissen, sozialen Einflüssen und repräsentierenden
Systemen ist für das Verständnis verschiedenster Gesundheitsprobleme wichtig
(chronische Angst, zwanghaftes Verhalten, Repression, Dissoziation, usw.).
Diese Probleme sind in Bedeutungssystemen verankert, die subneocortical sind,
d.h. sie beruhen auf prälinguistischen, symbolischen Modalitäten, emotionalen
Assoziationen und Entscheidungen, die durch die rechte Hemisphäre und das
paläomammalische limbische System konstituiert werden. D.h. Heilung kann nicht
allein verbal-rational erfolgen.
Wesentlich ist, daß symbolische
Prozesse zentral an der Entwicklung, Elaboration und Aufrechterhaltung der
neuralen Struktur sowie der bewußten Erfahrung beteiligt sind. Die Urform der
symbolischen Kommunkation findet sich in visueller Kinästhetik (mirroring) und wird später dem Sprechen
untergeordnet. Diese nonverbale symbolische Intelligenz stellt die Basis für
Bedeutungen dar, die ihren Ursprung in metaphorischer Polysemie haben.
Polysemische Bedeutungen enstehen im Unbewußten und erscheinen spontan durch
Vertiefung ins symbolische Medium. Bildhaftes Denken erlaubt Wissen, daß
ontogenetisch später im propositionalen Wissen eingebettet wird; es ist die
Basis symbolischer Kognition. Imaginale Kapazitäten operieren unabhängig von
linguistischen Vorgängen und sind zentral mit den Erfahrungen der Verkörperung
verbunden. Metaphern, animistische und mythische Bilder, wie wir sie im
Schamanentum vorfinden, repräsentieren Wahrnehmungs- und Wissensstrukturen, die
zentral für Selbst, Bewußtsein, Sozialleben und Heilen (Therapie) sind. Trance
erlaubt es diese präsentierenden Bereiche des Bewußtseins (paläomammalisches
Gehirn) durch integrative Prozesse zu erreichen und homöostatische, balancierende physiologische Prozesse
auszulösen.
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die
vier Typen von Gehirnwellen (beta, alpha, theta und delta), die dazu benutzt
werden können die vier menschlichen Bewußtseinszustände (Tiefschlaf,
Traumschlaf, Wachsein, integrative Bewußtseinszustände) per EEG zu
kartographieren. Die linke Spalte benennt die Gehirnwelle und gibt
phänomenologische Kurzbeschreibungen, die nächste Spalte gibt die Frequenz und
die dritte Spalte gibt eine charakteristische Abbildung der Gehirnwelle
zusammen mit weiteren phänomenologischen Beschreibungen sowie einer
tomographischen Aufsicht des Gehirns, die die Häufigkeitsverteilung der
Gehirnwellen andeutet (je dunkler desto häufiger).
