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LEO: Lingua et Opinio
Studentische Zeitschrift zu Sprache und Kommunikation an der TU Chemnitz
14 November 2006
Motherfucker, Djävels und Evolutionsbremsen
Die Welt der Malediktologen
von
Eva Engels
Hinab gestiegen in das Reich der Arschgeigen: Malediktologie erforscht die dunklen
Sphären der kommunikativen Abgründe ohne Sauerstoff und Schutzanzug. Ihr
Untersuchungsobjekt: Mal lustige, mal obszöne, mal sprichwörtlich hundsgemeine
Schimpfwörter. Ihr Werkzeug sind psychologische, soziologische und auch linguistische
Mittelchen, die helfen, manch kleine Gemeinheit in unendlich vielen Sprachen auf
Herz und Nieren -- oder besser auf Himmel, Arsch und Zwirn -- zu prüfen.
"Dou Trutschel!!" schallt es durch die Küche der beschaulichen 4-Zimmer-Wohnung
in dem sonst so ruhigen Eifelstädtchen Mayen. "Bat willste?! Dou Döllebes!"
Verschmitzt blinzelt das Ehepaar Spitzlei sich an. "So was könnten wir
den ganzen Tag machen!" meint der 73-jährige Reinhold Spitzlei schmunzelnd.
Und mit "so was" meint er nicht reden, Fußball gucken oder lachen,
ganz im Gegenteil: Er denkt ans Schimpfen. Sein Leben lang arbeitet Reinhold Spitzlei
mit Herzblut an den messerscharfen Wortattacken rund um seine "Muttersprache",
den Mayener Dialekt. Besonders angetan haben es ihm Trutschel, Döllebes
oder Faa-Koo, geheime Wesen deren Existenz jeder Nicht-Eifeler entbehren muss.
"Nun ja, eine Trutschel ist eine untersetzte, ältere Dame, die zwar körperlich
da ist, aber selten eine geistig helle Minute hat." erklärt der Hobbylinguist.
Zwinkernd führt er hinzu: "Das passt eigentlich gar nicht wirklich zu meiner
Inge."
Der Spaß am Male dictus
Wenn man sich über jemanden oder etwas ärgert, unterstreicht man das gerne
mit schlechter oder böser Sprache, lat. Male dictus. Etwa fünf Prozent
der Gespräche am Arbeitsplatz und über zehn Prozent der Freizeit -Unterhaltungen
bestehen aus Fluchen und Schimpfen, wie der amerikanische Psychologe Timothy Jay
herausfand. Schimpfwörter sind gerade wieder im Kommen, wissenschaftlich gesehen.
Nicht nur Hobbylinguisten wie Reinhold Spitzlei beschäftigt die Herkunft und
Funktion vom Fluchvokabular.
Ob Dialekt, Landessprache oder sogar Gebärdensprache, Menschen schimpfen immer
und überall. Hierbei macht es auch keinen Unterschied, welchen Alters die Flucher
sind. Interessant ist allerdings, dass die Jugend häufiger neue Schimpfwörtertrends
setzt, wie vor Zeiten Weichei, Warmduscher oder Frauenversteher.
Im Deutschen sind insgesamt laut Statistik über 80% der Schimpfwörter noch
jugendfrei, nur bei 13% müssen die Kleinen sich die Ohren zuhalten.
Fluchen -- pädagogisch wertvoll?
Von Pädagogen wird ohnehin häufig gefordert, strenger gegen verbale Attacken
vorzugehen. So auch von Prof. Dr. Mechthild v. Schönebeck, Musikpädagogin
der Universität Dortmund. Sie hat sich besonders mit den Tiernamen befasst,
und aus diesem Grund ein Musical mit dem Titel Als die Tiere die Schimpfwörter
leid waren geschrieben, das sich durch großen Erfolg auszeichnete. Das
Musical "soll eigentlich nichts weiter als das tierische Schimpfen bewusst machen
-- und es dadurch vielleicht aus dem Wortschatz der Kinder verbannen." gibt
Schönebeck an. Ob nun verbannungswürdig oder nicht, wir fluchen und schimpfen
überall und auch bei jedem Anlass. Dass es keine Ausnahmen gibt, weiß
man seit Joschka Fischer, der im Bundestag "Mit Verlaub, Herr Präsident,
sie sind ein Arschloch!" zum Besten gab.
Schimpfen überregional
Troutschel, Faa-Koo oder Stickel, Hembels, Bunsel,
Aalkaniggel, das klingt für Eifeler Ohren tausendmal besser als so ein
hochdeutsches Arschloch. Aber warum schimpft man überhaupt im Dialekt?
"Die Leute neigen dazu, ihre Gefühle in der ihnen vertrauten Sprache auszudrücken",
erklärt Oksana Havryliv. Die ukrainische Dozentin für Germanistik forscht
an einer Typologie der Schimpfwörter, die so bisher noch nie erstellt wurde.
Ihre Studie soll besonders den Wiener Schmäh wissenschaftlich unter die Lupe
nehmen. Aber nicht nur Wien hat lustiges Fluchvokabular, auch bei uns gibt es da
so einiges. Wenn ein Schwabe wie Klinsmann beispielsweise mal so richtig Dampf ablassen
will, dann hat er eine Mannschaft von "Granadeseggele" vor sich. Oder ein
bayrischer Beckenbauer, der einen mit "Du dreckerter Muhackle" [Muhagl
-- R.A.] ganz schön erwischen könnte. Das Potenzial des Forschungsfeldes
Fußball kennt man nicht erst seit Trapatonies "Flasche leer".
Schimpfen interkulturell
Aber nicht nur regionale sondern auch kulturelle Unterschiede können festgestellt
werden, wie die Malediktologen, also Schimpfsprachforscher, herausgefunden haben.
Sie beschäftigen sich mit dem Fluch- und Schimpfwortschatz unterschiedlicher
Kulturen -- sowohl aus psychologischer, soziologischer als auch linguistischer Sicht.
Der in Amerika dozierende Professor Reinhold Aman stellte heraus, dass es weltweit
drei Gruppen von Schimpfern gibt.
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Wer ist Reinhold Aman?
Reinhold Aman, der am 8. April 1936 in Fürstenzell in Bayern geboren wurde,
ist einer der weltweit bekanntesten Malediktologen. Er wuchs in Straubing und Oberschneiding
auf, studierte in Augsburg technische Chemie [Chemotechnik -- R.A.]. Bereits mit
21 Jahren emigrierte er: erst nach Kanada und dann zwei Jahre darauf in die USA.
Dort unterrichtet[e] er Sprachen und Literatur. Er spricht sechs Sprachen aktiv,
sein bayrischer Dialekt und Jiddisch mit eingerechnet, und versteht mehr als 20 Sprachen.
Seit 1965 untersucht er verbale Aggression in über 220 Sprachen -- ob modern
oder 5000 Jahre alt. Er schrieb das Bayrisch-Österreichisches Schimpfwörterbuch
und Opus Maledictorum - A book of bad words. Er ist Chef der weltweit einzigen
Zeitschrift über Schimpfwörter: der Maledicta.
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In den stark religiös geprägten Regionen der Welt gebe es nichts Schlimmeres
als die Religion oder Gott zu verfluchen. Solche "Gotteslästerer"
findet man beispielsweise in Schweden: Ihr Lieblingsschimpfwort ist "djävel",
also Teufel. Eine andere Gruppe umfasst die "Familienschänder". Sie
fluchen, indem sie Schlechtes über Familienmitglieder sagen. Einem Araber entspringt
dann schon mal ein "Ich furz in den Bart deines Vaters."
Ganz anders sieht es bei den "Prüden" aus, wie Reinhold Aman beispielsweise
die Amerikaner einordnet. Sie fluchen am häufigsten mit Bezeichnungen für
Geschlechtsteile und Körperausscheidungen. "Shit", "Fuck"
und "Asshole" müssen regelmäßig im amerikanischen Fernsehen
ausgepiepst werden. Die Amerikaner machen dies sogar so häufig, dass im Sommer
2004 ein Gesetz gegen "Fuck" und "Shit" im Fernsehen oder Radio
erlassen wurde: pro Verbalattacke bis zu 275 000 Dollar Strafe. Gehen wir in Deutschland
lockerer mit dem Fluchvokabular um? Ja, meinen Damaris Nübling und Marianne
Vogel in ihrer Studie "Fluchen und Schimpfen kontrastiv". "Zwar bestehen
(im Deutschen) einige verhüllende Euphemismen wie SchÖeibenkleister oder leck
mich am Ärmel, doch ist der Tabugrad (von Schimpfwörtern) heute nicht mehr
allzu hoch." Auch die Zeiten der grafischen Abkürzung wie Sch... seien
ihrer Meinung nach vorüber.
Variationen über das Sch...
Beschimpfungen treffen meist unveränderbare, unvorteilhafte geistige oder körperliche
Eigenschaften des Einzelnen oder der Gruppe. "Schimpfwörter zielen häufig
auf die Schwachstellen einer ganzen Gesellschaft ab." bestätigt Oksana
Havryliv. Was ist dann wohl die deutsche Schwachstelle? Laut Vogel und Nübling
ist unsere Schwachstelle der fäkale Bereich. Scheiße ist das meistgenutzte
Schimpfwort der Deutschen. Scheißkarre, beschissen, Schleimscheißer,
verschissen oder verscheißern -- wir erfinden fast genauso viele
Wortderivationen für Scheiße wie für gut oder Liebe.
Schimpfen lässt also nicht nur Dampf ab, sondern macht auch noch kreativ im
Umgang mit Worten. Unmengen an Internetseiten zeugen von dieser Kreativität
und stellen die aktuellen Lieblingsschimpfwörter der Deutschen auf. In den absoluten
Top Ten sind gerade Monsterbacke, Teflongesicht und Evolutionsbremse.
Nicht in den Top Ten, aber auch beliebt sind Faa-Koo und Döllebes
-- zumindest bei den Spitzleis in Mayen. "Wenn die Inge neben mir spazieren
geht und dann stolpert, dann ruf ich posthum: "Pass op, dou Döllebes!"
Und dann lachen wir beide und gehen weiter." Ein Döllebes ist die
Mayener Variante eines Tölpel, also eines Menschen, der gerne mal etwas ungeschickt
und tollpatschig ist. Reinhold Spitzlei lacht: "Wir meinen das gar nicht immer
so ernst, wenn wir schimpfen." Tatsächlich werden nicht alle Schimpfwörter
als Beleidigung aufgefasst, bestätigt Aman. Es hängt, wie bei jedem Sprechakt,
auch hier immer davon ab "Wer, wann, was, zu wem, unter welchen Umständen
und mit welcher Absicht sagt". So werden manche Schimpfwörter sogar benutzt,
um einen anderen zu loben: "Mensch du toller Hund" oder "Du gerissenes
Schlitzohr".
Die Welt wartet noch auf zahlreiche Helfer im Kampf um die Erforschung der schlechten
Sprache besonders in der Linguistik. Vielleicht müssten alle so passioniert
bei der Sache sein wie die Spitzleis aus der Eifel.
Informationen zur Autorin:
Eva Engels studiert Deutsch und Katholische Theologie auf Realschul-Lehramt an der
Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz.
Copyright © 2006 by LEO. Alle Rechte vorbehalten.
The original article is here.

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