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Der Schweizerische Beobachter (Zürich)
6 January 2010, pp. 20-21
Malediktologie
Fluchen, aber bitte richtig
by Sven Broder
Schimpfen und Fluchen gehört vielleicht nicht zum guten Ton. Gut fürs
Gemüt ist es aber allemal. Gopfridstutz!
Fluchregel 1: Geflucht wird von jeher.
Nicht himmlische Heerscharen geben im Reich der Malediktologie den Ton an, sondern
irdische Arschgeigen. Flüche und Beschimpfungen, kurz: das Schlechtreden (lat.
maledicere) ist die Materie, mit der sich besagte Wissenschaft beschäftigt.
Über Mangel an Material kann sie sich nicht beklagen. Gezetert wird schon immer
und in allen Kulturen -- und das nicht zu knapp. Etwa fünf Prozent der Gespräche
am Arbeitsplatz und über zehn Prozent der Freizeitunterhaltungen sollen laut
dem Psychologen Timothy Jay aus Schimpfen bestehen. «Schon in der Sanskrit-Literatur
vor über 3000 Jahren findet man das Wort ãHundõ als Schimpfwort benutzt»,
so Reinhold Aman. Als Gründer und Herausgeber der Zeitschrift «Maledicta»
gilt der gebürtige Bayer als Vater der Malediktologie.
Fluchregel 2: Das Prinzip Tabubruch
Wer flucht, möchte stets die grössten Tabus seiner Kultur verletzen,
sagt Aman. Drei Hauptgruppen liessen sich dabei unterscheiden: die Gotteslästerer,
die Familienbeschimpfer und die Prüden. Erstere findet man vorwiegend in katholischen
Regionen von der Innerschweiz über Bayern bis nach Brasilien («Himmel
Herrgott!»).
Familienbeschimpfer hört man im arabischen Raum, aber auch in Asien und Afrika.
Meist kriegen die Eltern ihr Fett weg («Ich furze in deines Vaters Bart»).
Die Gruppe der Prüden zetert oft in puritanischen Kulturen wie Amerika («fuck»).
Aber auch slawische Völker werfen gern mit verbalen Fäkalien um sich oder
reagieren sich mit Obszönitäten ab («Möge dein Grab von Schwänzen
überwachsen werden!»).
Fluchregel 3: Jede Zeit hat ihre Sitten -- und ihre Flüche.
«Dem Köter sollen alle Zähne ausfallen, bis auf einen, damit
er Zahnweh haben kann»: So wortgewandt wie im Jiddischen liesse sich bei einem
Tritt in ein Hundehäufchen Dampf ablassen. Doch unsereins ruft heute einfach
«Scheisse!» oder gut amerikanisch «Shit!». «Im Zuge
der Globalisierung ist auch beim Fluchen eine sprachliche Verarmung und kulturelle
Nivellierung festzustellen», sagt Roland Ris, Berner Sprachforscher im Ruhestand
und Malediktologe der ersten Stunde. Dabei spielten die Ausscheidungen des Darmes
-- ob fest, flüssig oder gasförmig -- in der ursprünglichen Schweizer
Schimpfkultur eine Nebenrolle. Körperausscheidungen waren schlicht zu natürlich,
um als Tabubrecher zu dienen.
Furzen etwa gehörte noch im 17. Jahrhundert zum guten Ton. «Damals gab
es richtige Furzwettbewerbe. Furzen war schon fast ein gesellschaftliches Vergnügen»,
sagt Roland Ris. Das positiv Befreiende oder «das Vergnügen des Loslassenkönnens»,
wie es Ris formuliert, schwingt heute am ehesten noch in Ausdrücken wie «Ich
han e schiiss Fröid gha» mit.
Fluchregel 4: Fluchen tut gut.
Dem Ausruf «Scheisse!» mag heute nur mehr wenig Positives anhaften.
Befreiend wirkt er trotzdem. Denn Schimpfen gilt als therapeutischer Weg, um Erregung
abzubauen, und ist für die Gesundheit so wichtig wie Weinen oder Lachen, sagen
Psychologen. Es sei denn, der Adressat der Schimpftirade versteht keinen Spass. «Dann
kanns auch ungesund und schmerzhaft werden», sagt Fluchforscher Reinhold Aman.
Fluchen wirkt also nicht nur befreiend, sondern auch schmerzlindernd, wie kürzlich
das Fachblatt «Neuroreport» schrieb.
Bei Tests mit 64 Freiwilligen konnten Forscher belegen, dass die Probanden ihre Hand
im Schnitt länger im Eiswasser behielten, wenn sie schimpften. Zudem zeigten
Versuche mit Alzheimer- und Demenzpatienten, wie tief Kraftausdrücke im Hirn
verankert sind. So konnte Psychologieprofessor Timothy Jay nachweisen, dass die Betroffenen
noch immer auf ihr Schimpfrepertoire zurückgreifen konnten, als sie Namen der
engsten Vertrauten und einen Teil ihres anständigen Vokabulars bereits vergessen
hatten.
Fluchregel 5: Wer sich selbst verflucht, tut sich nichts Gutes damit.
Der deutsche Physiologe Peter Reeh bezeichnet das Fluchen und Schimpfen als «Stuhlgang
der Seele». Als besonders erlösend gelten dabei Wörter mit Zisch-
und Verschlusslauten sowie hellen E- und I-Vokalen; wie «Scheisse» eben.
Ein veritabler Archetyp eines Fluchs mit reinigender Wirkung, ist im Schweizerdeutschen
der Ausruf: «Himmel, Arsch und Zwirn»; Entgeistert über das, was
einem gerade passiert ist, appelliert man an den Weltenlenker («Himmel»),
lässt anschliessend emotional Dampf ab («Arsch») und gibt sich zuletzt
in einer eigentlich bedeutungslosen, aber versöhnlichen Floskel («Zwirn»)
dem Lauf der Dinge hin. Man könnte auch «Himmel, Arsch und Blumenkohl»
sagen; «Hauptsache, es klingt am Schluss irgendwie humorvoll-optimistisch»,
erklärt Ris. Letzteres ist wichtig, soll das Fluchen und Schimpfen die besagte
therapeutische Wirkung erzielen. Wer nämlich nur immer über sich selber
schimpft oder gar sich selbst verflucht und seine eigene Seele damit zum Pfand gibt
(«Gopfertami!»), tut sich damit nichts Gutes, ist Ris überzeugt.
Fluchregel 6: Der Teufel steckt im Detail.
Ursprünglich waren Flüche jedoch allesamt Verfluchungen und Verwünschungen
(«Der Teufel soll dich holen»; «Der Hagel soll dir dein Feld zerstören»).
Solche Eingriffe in Gottes Willen und Allmächtigkeit sind für Strenggläubige
tabu. In evangelikalen Kreisen ist schon ein «Herr Jesus!» anrüchig,
weil es als Missbrauch von Gottes Namen verstanden wird und damit als ein Verstoss
gegen das zweite Gebot Gottes, sagt Roland Ris. Selbst für einen guten Protestanten
war ein «Donnerli, Donnerli!» lange Zeit das Äusserste der erlaubten
verbalen Gefühlsausbrüche.
Der Katholik ist da unverkrampfter. Er flucht und schimpft «em Tüüfel
es Ohr ab». Er kann ja immer noch beichten, wenn ihn das Gewissen zwickt. Oder
er donnert zu gegebenem Anlass einfach verklausuliert, sagt «Potz Tuusig»
statt «Gott Teufel», «Sackzement» statt «Sakrament»
und «gopfridstutz» statt «Gott verdamme mich». Als wäre
der Herrgott nachsichtiger, versteckt man den Teufel im Detail.
Fluchregel 7: Fluchen ist Poesie.
Just dieser kreative, ja zuweilen poetische Umgang mit Sprache, der im emotionsgeladenen
Fluch bisweilen aufblitzt, hat es dem Malediktologen Roland Ris angetan. «Die
normale Sprache ist sehr stark reglementiert. Aber in der affektiven, also in der
von Gefühlen geleiteten Sprache hat man die Möglichkeit, etwas Neues, Eigenes
zu kreieren, um Emotionen auszudrücken und abzubauen», sagt er.
Fluchregel 8: Beschimpfungen werden immer wieder neu erfunden.
Die Jugendsprache bietet ähnliche kreative Freiheit, beziehungsweise die
Jugendlichen fordern sie ein, um sich von der Sprache der Erwachsenen abzugrenzen.
Und so treten unter ihnen zuweilen Fluch- und Schimpfblüten zutage wie «Du
Evolutionsbremse», «Du Michi» oder «Du huere Banane».
Wobei weder der Michael noch die Banane wirklich neu sind. Der «Michi»
ist schlicht die Barbara von dazumal («Bisch es Baabi»), und anstelle
der Banane wurde früher einfach eine andere Frucht ausgeteilt, die «Zwätschge».
Fluchregel 9: Verbote sind zwecklos.
Wichtig sei beim Schimpfen und Fluchen nur, sagt Roland Ris, dass ein gewisser
Respekt da sei, dem anderen, aber auch sich selber gegenüber. Vier Kinder hat
Ris grossgezogen, und dies, ohne ihnen je den Mund verbieten zu müssen. «Spracherziehung
ist keine Erziehung, die mit plumpen Verboten und Tabus funktioniert», erklärt
er. Vielmehr gehe es darum, Kindern und Jugendlichen eine Palette von Ausdrucksmöglichkeiten
anzubieten. Sie sollen dann eine eigene Sensibilität dafür entwickeln,
dass jede Gesprächssituation eine spezifische und adäquate Ausdrucksweise
verlangt. «Ich sagte meinen Kindern also: ãSo kannst du meinetwegen mit deinen
Freunden reden, aber nicht zu Hause und erst recht nicht, wenn wir Besuch haben.õ»
Fluchregel 10: Auch der Herrgott lacht.
Und wie es sich generell leichter leben lässt mit Humor, sei auch im Schimpfen
stets ein Augenzwinkern dienlich. «Ein kreativer und lustiger Fluch trägt
mehr zur Entspannung einer Situation bei als ein verbaler Totschläger»,
sagt Roland Ris. Wahre Meister dieses Fachs sind die Bayern. Eine Kostprobe liefert
der «Original Bayerische Schimpfsack»: «Himmi Herrschaftseitn,
Kreiz Birnbam und Hollastaudn, Zefix Halleluja, Sackl Zement noamoi, Sauteifi misrabliger,
Rame gscherta, jafreili, jez glangts aba sche langsam, du Rindviech, du karierts!
Host mi?*» Oder um es im Sinne des Engels Aloisius zu sagen, des legendären
Münchners im Himmel: Wenn er auch hundertmal sein «Luja» unhimmlisch
hinausbrüllt, wirklich böse kann ihm deswegen keiner sein, auch der liebe
Gott nicht.
* Dt.: «Himmel Herrgott zur Seite, Kreuz Birnbaum und Holunderstrauch, Kruzifix
Halleluja, Zementsack noch einmal, Sauteufel, erbärmlicher, geschorener Rammler,
ja selbstverständlich, jetzt genügt es aber bald, du Rindvieh, du kariertes!
Verstehst du mich?»
Schimpfen in aller Welt
Russland: «Geh zum Schwanz!»
Serbien: «Deine Mutter soll dich im Cevapcici wiedererkennen.»
Türkei: «Du Sohn einer Gurke!»
Jiddisch: «Drei Schiffsladungen voll Gold sollst du erben, aber es soll
dir nicht reichen, um die Arztrechnung zu begleichen.»
Afrika: «Deine Mutter ist wie eine Telefonzelle. Sie steht an einer
Strassenecke.»
Arabien: «Deine Muttermilch war Kamelpisse.»
Zentralafrika: «Dein Gesicht ist runzlig wie ein Elefantenarsch.»
Persien: «Ich furze in deines Vaters Bart.»
© Beobachter
Ausgabe 1 vom 06. Jan 2010 - Alle Rechte vorbehalten

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