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SonntagsZeitung
(Switzerland)
1. Dezember 1996
"Fluchen ja -- aber bitte kreativ"
Forscher stellen fest:
Gut fürs Gemüt, gut für die Gesundheit
Von Esther Kern
Wer flucht, muss in der Hölle schmoren -- eine Drohung, die jedes Kind kennt
und die uns bis ins hohe Alter im Genick sitzt. Jetzt sprechen uns Wissenschaftler
frei von diesem bösen Fluch. Denn wer so richtig loslege beim Schimpfen, sagen
sie, sei kreativ und müsse gar gefördert werden.
Als obszön und unflätig werden Menschen abgestempelt, die ihre Wut in lautstarkem
Wortschwall loswerden. Und weil sich das Fluchen nicht gehört, hat bis anhin
auch die Wissenschaft die Finger von diesem unrühmlichen Kapitel in der Sprache
gelassen. Denn um des Fluchens willen von den Kollegen beschimpft zu werden, dieses
Risiko wollte fast keiner eingehen.
Die grosse Ausnahme: Reinhold Aman, 60, ein deutscher Fluchforscher oder auch Malediktologe,
der seit 40 Jahren in Amerika wohnt (siehe Interview). Seit über dreissig Jahren
predigt er das Fluchen. Er ist Herausgeber des Magazins Maledicta, einer Art
Fluchbibel, in welcher Beschimpfungen aus aller Welt abgedruckt werden. "Jetzt
haben auch meine studierten Kollegen gemerkt, dass Fluchen für uns Menschen
etwas sehr Wichtiges ist", sagt Aman. Darum gebe es zum Thema zunehmend mehr
Studien und Vorlesungen an Unis.
Zur Maledicta-Leserschaft gehört auch der Schweizer Roland Ris. Der Professor
der ETH Zürich arbeitet selber an einem Fluch-Projekt. Ein Schweizer Fluchwörterbuch
mit dazugehöriger Sozialgeschichte ist geplant. Nicht zuletzt verfolgt Ris damit
ein Ziel: "Die Menschen sollen wieder kreativer Fluchen."
Fluchen, so sagt Ris, sei zu einem Einheitsbrei geworden: "Alle sagen nur noch
"shit", "fuck" oder "Scheisse"." Ein bedauerlicher
Zustand, wie der Professor zu bedenken gibt. Und er ist nicht allein damit. Die Förderung
von kreativen Schimpftiraden hat sich auch der Deutsche Eichborn-Verlag zum Ziel
gesetzt. "Man soll den Gegner nicht einfach dumpf beleidigen, sondern seine
Persönlichkeit genau treffen, ihn auf hinterlistige und trotzdem liebevolle
Weise auf ein Defizit hinweisen", sagt Wolfgang Hörner vom Eichborn-Verlag.
Mehrere Wörterbücher für internationale Flüche hat der Verlag
schon herausgegeben. Soeben ist ein 500seitiges Schimpfwörterbuch erschienen.
Auch rund hundert Schweizer Kraftausdrücke finden sich darin. Der "Schafseckel"
beispielsweise, oder der "fremde Fötzel". In einem Meer von 10 000
Wörtern kann man sich inspirieren lassen für den nächsten Zusammenstoss
mit dem verhassten Nachbarn oder dem unausstehlichen Arbeitskollegen.
Tausende von Flüchen, alle aus Schweizer Mundarten, hat auch Roland Ris schon
in seinem Computer gespeichert. Vor allem an Worterfindungen hat er Spass: "Wer
kreativ flucht, kann den Gegner zum Lachen bringen -- das entkrampft die Situation."
Und es gebe Menschen, die einfach "begnadete Flucher" seien. Diese müssten
gefördert werden, "denn sie haben bestimmt noch andere kreative Adern".
In Amerika gibt es bereits einen Fluchforscher, der Kindern in der Schule beibringen
will, Ärger verbal loszuwerden. Eigentliche Fluchstunden in der Schule kann
sich Reto Vannini von der Erziehungsdirektion des Kantons Zürich nicht vorstellen.
"Aber das Fluchen in der Schule zu thematisieren und über Kraftausdrücke
zu reflektieren, das wäre durchaus sinnvoll", sagt er.
Auch für Erwachsene ist es nie zu spät, die hohe Kunst der Schimpftiraden
zu erlernen. Die Tips von Roland Ris für kreatives Fluchen:
-- Beobachten Sie Ihren Gegner genau, suchen Sie seinen wunden Punkt, und fassen
Sie diesen in eine Schimpftirade. [Dieser Tip ist von mir, nicht von Dr. Ris. --
R.A.]
-- Lassen Sie sich vom Sprachwortschatz anderer Kulturen inspirieren. [Dieser Tip
ist auch von mir, nicht von Dr. Ris. -- R.A.]
-- Nutzen Sie Ihre Wut, poetisch zu werden, bilden Sie Stabreime wie beispielsweise
"Tuusig Totze Tintehüsli".
-- Bilden Sie Wortabwandlungen: "Armleuchter" für "Arschloch",
"Mailand" für "Heiland". So vermeiden Sie, vulgär zu
wirken.
Richtiges Fluchen ist nicht nur gut fürs Gemüt, sondern auch für die
Gesundheit. Denn bei Wutausbrüchen werden die Magensäfte aktiviert. Lässt
man der Wut nicht freien Lauf, riskiert man Magengeschwüre. Nur einen Rat vom
Fluch-Papst Reinhold Aman sollte man sich immer zu Herzen nehmen: "Trägt
der Gegner eine Waffe, kann Fluchen ungesund werden. Dann ist es ausnahmsweise besser,
auf die Zunge zu beissen."
Interview mit Esther Kern:
"Je höher die Alpen, desto besser das
Schimpfen"
Malediktologe Reinhold Aman über
Fluch-Kultur
Als erster hat er ein Tabu gebrochen, Fluch- und Schimpfwörter zum Thema
gemacht. Heute ist Reinhold Aman, 60, unumstrittener Fluch-Papst.
Herr Aman, seit 20 Jahren drucken Sie in Ihrer Zeitschrift "Maledicta"
Flüche aus aller Welt. Gibt es für Sie auch Grenzen des guten Fluch-Geschmacks?
Reinhold Aman: Ich drucke, was die Leute sagen. Aber es gibt gotteslästerliche
Flüche, da stehen selbst mir die Haare zu Berge. Da habe ich beim Tippen oft
Angst, dass mir der liebe Gott die Hand verkrüppelt -- obwohl ich nicht religiös
bin.
Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, sich aufs Fluchen zu spezialisieren?
Aman: Ich habe 1965 an der Universität Texas meine Dissertation über Wolframs
Parzival geschrieben. Da gab es einen Satz, den ich übersetzen musste:
"Ich schlag dir gleich mit dem Kochlöffel um die Ohren, du Affe."
Und da habe ich mich gefragt, wieso man einen Menschen mit Affe beschimpft. An diesem
Tag habe ich begonnen, bis tief in die Nacht Schimpfwörter zusammenzutragen.
Dieser eine Satz hat mich gepackt. [Frau Kern irrte: Der Satz ist nicht im Parzival,
sondern ist ein Wenker-Satz. -- R.A.]
Welches ist die wichtigste Erkenntnis Ihrer Fluchforschung?
Aman: Durch das Studium von Schimpfen und Fluchen kann man am besten sehen, was das
Wertsystem einer Kultur ist -- ob nun im Berner Oberland oder im brasilianischen
Dschungel. Man sieht genau, was in dieser Kultur als gut, als nobel, als ideal, als
schön, als richtig gilt. Denn jeder, der von der Norm abweicht, wird beschimpft.
Beim Fluchen wiederum verletzt man das grösste Tabu seiner Kultur.
Wer flucht am besten?
Aman: In gotteslästerlichen Flüchen sind die Katholiken, also die Bayern,
Italiener, Spanier oder Portugiesen, Spitze. Wenn es um Obszönitäten und
Skatologie -- also um Kot und Urin -- geht, dann sind die slawischen Völker
wie die Russen, Ukrainer oder Serbokroaten am besten.
Wer flucht am kreativsten?
Aman: Eindeutig die Juden, vor allem die Ostjuden. Sie wurden fast 2000 Jahre verfolgt.
Und im Gegensatz zu den heutigen Israeli, die zurückschiessen mit Panzern und
Kanonen, hatten sie keine Waffen. Sie haben zurückgeschossen mit Wörtern.
Welches ist der schönste jüdische Fluch?
Aman: Die Juden haben eine interessante Methode, jemanden zu beschimpfen. Im ersten
Teil öffnen sie dem Gegner das Herz mit einem Lob, im zweiten zielen sie dann
mitten ins Herz. Zwei schöne Beispiele: "Du sollst drei Schiffsladungen
von Gold erben -- und es soll nicht reichen, um deine Arztrechnungen zu bezahlen."
Oder "Du sollst berühmt werden -- man soll eine Krankheit nach dir benennen."
Und was halten Sie von der Schweizer Fluchkultur?
Aman: Die Schweizer sind Durchschnitt. Aber man muss unterscheiden, ob nun in Amerika
oder in der Schweiz, zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Die Landbevölkerung
hat viele mündliche Überlieferungen, inklusive Beschimpfungen. Und in kleinen
Gemeinden wird jeder, der neu reinkommt, genau beobachtet und sofort beurteilt. Je
höher in den Alpen, je isolierter, desto besser sind die Schweizer im Schimpfen.
Der Stadtbewohner ist blasiert, hat keine Zeit für so was.
Anscheinend geht ja beim Fluchen die Kreativität ohnehin langsam verloren.
Aman: Oh ja, absolut, nicht nur in der Schweiz, überall. Heute hockt jeder vor
dem Fernseher. Der aktive Wortschatz wird immer kleiner, einheitlicher. Auch der
Fluchwortschatz: Alles ist "shit" und "fuck" und "shit"
und "fuck".
Wie kann man denn kreatives Fluchen fördern?
Aman: Vor allem muss man die Beobachtungsgabe fördern. Denn wer genau beobachtet,
schimpft kreativer, individueller.
Gibt es für Sie auch Grenzen, wo das Schimpfen aufhören soll?
Aman: Unveränderliche Abweichungen von der Norm soll man nicht beschimpfen.
Der andere kann ja nichts dafür, wenn er schielt, einer anderen Rasse angehört,
zu dick oder zu klein ist. Solche Beschimpfungen sind nicht therapeutisch, nur verletzend.
Aber Schimpfwörter, die auf schlechtes Benehmen zielen, also dass einer zu schlampig
ist, zuviel schwatzt, schlürft oder in der Nase bohrt, diese unterstütze
ich absolut. Durch solche Beschimpfungen will man ja, dass der andere sich bessert.
Sie machen also Sinn.
Und beim Fluchen, ist da alles erlaubt?
Aman: Zu Hause ist alles erlaubt, denn Fluchen ist ein Sicherheitsventil, das einem
psychologisch und physiologisch wieder ins Gleichgewicht bringt. In der Öffentlichkeit
muss man sich Grenzen setzen, um nicht als vulgär zu gelten.
Wie fluchen Sie ganz privat?
Aman: Meist auf englisch. Aber in sehr emotionellen Situationen spreche ich, wie
jeder andere Mensch, am liebsten in meiner Muttersprache. Wenn mir was schiefgeht
mit dem Scheisscomputer -- da habe ich die meisten Probleme -- wird geflucht auf
bayrisch, dass die Wände wackeln: "Kruzifixsakrament, Scheisscomputer,
gottverdammter, der Deifi soll di holen, du Miststück, du gottverreckts!"
Mann des saftigen Worts
Reinhold Aman wurde 1936 in Bayern geboren. Er studierte Chemie, Pädagogik,
Germanistik, Französisch und Spanisch. Seit 20 Jahren befasst er sich wissenschaftlich
mit den Themen Fluchen und Schimpfen, seit 20 Jahren ist er Herausgeber der Fluch-Zeitschrift
Maledicta. Neben anderen Werken hat er auch das Bayrisch-Österreichische
Schimpfwörterbuch (Hugendubel-Verlag, München) verfasst. Er lebt
mit 20 Katzen in Kalifornien.

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