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Die Welt
25. Oktober 1996
Mozart flucht gemeinsam mit den Knastbrüdern*
Wie ein amerikanischer Literaturprofessor
zum Maledictologen wird
Von Hans Daiber
Santa Rosa - Reinhold Aman macht sich Sorgen um Hillary und Bill Clinton.
Für ihn ist es nur noch eine Frage der Zeit, daß das Präsidentenpaar
wegen der Whitewater-Affäre hinter Gitter muß. Etwa, wenn Susan McDougal,
derzeit in Beugehaft, sich entschließen sollte auszusagen. Der Wahlkampf kulminiert,
ein Schwarzbuch gegen die First Lady enthält 700 Seiten, das Weißbuch
für sie nur dreihundert.
Höchste Zeit also für Aman, der Präsidenten-Gattin mit einem Knast-Katechismus
zu dienen, Tips fürs Überleben im Kittchen ("Hillary Clinton's Pen
Pal - A Guide to Life and Lingo in Federal Prison"). Erstes Gebot: Glaube nicht,
daß du was Besonderes bist. Ferner: Kommandier nicht rum, erkauf dir Schutz
vor Übergriffen (kostet bis zu 50 Dollar pro Monat). Geistlicher Beistand (bis
zu 100 Dollar je Visite) bringt Pluspunkte bei der Direktion. Wenn eine Lesbe dich
notzüchtigen will, sage, du hättest Aids. Petze nie dem Personal, wenn
du beklaut oder verprügelt worden bist, sonst polieren sie dir die Fresse; sei
immer höflich zu deinen Kumpels, glotze sie nicht an, in diesem Punkt sind sie
besonders empfindlich. - So geht es seitenlang weiter . . .
Doktor Aman ist ein kompetenter Ratgeber, er hat als Häftling Nummer 03873-089
15 Monate lang in zehn Gefängnissen und Korrektionsanstalten eingesessen. Währenddessen
hat er Mitgefangene und Haftbedingungen studiert wie ein Anthropologe einen fremden
Völkerstamm. "Wenn man die Codes und Rituale nicht kennt, kann man schon
am ersten Tag umgebracht werden. Mir ist das beinahe passiert. Bloß, weil ich
eine harmlose Bemerkung gemurmelt habe, hat ein 75jähriger Mafioso gedroht,
mir ein Loch in den Kopf zu ,ficken'." - Also: "Verinnerliche meine Ratschläge,
bis du sie auch im Schlafe intus hast, dann wirst du's überstehen."
Es folgt ein 60seitiges Glossar des Knastjargons. Da ist Aman in seinem Element,
als Philologe und (seit 1977) Herausgeber von "Maledicta", dem weltweit
einzigen "Journal für verbale Aggression".
Aman, geboren 1936 in Fürstenzell (Niederbayern), 1959 naturalisierter US-Bürger,
bis 1962 Professor für mittelalterliche Literatur und Philologie an der Universität
von Wisconsin, ist der erste und einzige Maledictologe (Schimpfwortforscher) der
Welt. Sein indezentes Spezialgebiet hat ihn den Job gekostet, schimpfend hat er der
"kakademischen" Welt den Rücken gekehrt. So kam es zur Gründung
von "Maledicta", einer Zeitschrift, Auflage 5000, die in ihren guten Zeiten
an 2500 Abonnenten in 75 Länder ging, sämtlich Intellektuelle wie Sprachforscher,
Wortnarren, Zyniker. (Achtung, lieber Ghostwriter von Harald Schmidt, hier die Adresse:
Maledicta Press P. O. Box 14123, Santa Rosa, CA 95402-6123 USA!)
Erscheinungsort war ein nettes Holzhaus in Waukesha ("Waukeshit"), einer
Kleinstadt bei Milwaukee; anfangs allerdings "war alles außer Weib und
Kind verpfändet". Ringsum nette Leute ("decent people"), konform
bis über den Scheitel. Doch Amans Vorgarten war ungepflegt, er hatte keine Zeit,
mußte Jahrtausende aufarbeiten ("In der Schimpfwortforschung gibt es fast
nur unbeantwortete Fragen"): von mittelalterlichen Epen über das Schimpfen
der Mandarine bis zu Schweinkram ("They say it, we print it"). Das konnte
nicht gutgehen. Es kam zur Scheidung. Aman war ruiniert.
Wütend verbreitete er ein Pamphlet gegen die "juristischen Schleimscheißer
von Wisconsin" und schickte zwei tiefschwarzhumorige Postkarten an sein "Ex-Weibchen".
Daraus wurde ihm wegen "Verbreitung bedrohlicher Mitteilungen per Post"
ein solider Strick gedreht: erst mal sieben Monate Hausarrest und dann pro Postkarte
plus Pamphlet dreimal 27 Monate Haft. (Er wurde als reuig und umerzogen vorzeitig
entlassen.)
Hillarys Knast-Katechismus enthält auch einen offenen Brief an Janet Reno,
Abteilungsleiterin im Justizministerium ("Department of Injustice") mit
schweren Vorwürfen gegen den Strafvollzug sowie mit einem Appell an Hillary
Clinton: "Wenn du eingesperrt sein wirst, dann bring als selbsternannte Fürsprecherin
der Kinder vor allem eine Gefängnis-Reform in Gang, und mach weiter damit nach
deiner Entlassung, daß die Kids, deren Eltern eingesperrt sind, nicht ebenfalls
im Gefängnis enden." Das Büchlein ist also dreierlei: Anklage gegen
das System, Selbstverteidigung und eine fulminante Satire, würdig eines Ambrose
Bierce.
"Maledicta ist wieder da!", triumphierte Band 11, nun aus Kalifornien;
enthaltend eine Typologie von Antworten aus dem Stegreif auf Zwischenrufe, ferner
das Ergebnis einer Umfrage bei College-Studenten im Mittelwesten der USA nach den
meistgebrauchten "dirty words" (welche, warum, wann, wo, zu wem), Aufsätze
über Mozarts Bäsle-Briefe, satirische Gedichte in der provençalischen
Poesie, Schimpfwörter der Papua, Obszönitäten in der afrikanischen
Folklore.
Und der Fall Aman wird noch einmal ausgebreitet, diesmal im Ton der Selbstanklage.
Der Übeltäter bejammert, was er so alles vor der segensreichen Kur im Kittchen
dachte und machte - eine höhnische Heuchelei.
Soeben neu: "Maledicata 12" mit bösen Witzen über die Clintons,
mit ausführlicher Darstellung des Jargons in einer Großpizzeria in Detroit,
mit 150 Wandkritzeleien aus holländischen Soldaten-Latrinen (notfalls entschlüsselt),
mit phonologischer und semantischer Analyse der indogermanischen Wurzeln des Verbums
"to fuck".
Gelehrte nutzen "Maledicta" für Exkurse in Randgebiete ihrer Forschungsbereiche.
Die hohe Schule des Spezialismus entwickelt, angewandt auf das Allzu-Menschliche,
spezifische Komik. Aman, wieder Kämpfer in eigener Sache, berichtet von Weigerungen,
"Maledicta" zu drucken ("womöglich anstößig")
und an Gefangene zu liefern ("könnte die Sicherheit gefährden")
- klare Verstöße gegen das garantierte Recht auf freie Meinungsäußerung,
sagt er. Ein Buch über seinen "Zwangsurlaub" im Knast ist angekündigt.
Der Malefikant wird sich doch nicht wieder vermaulen? Noch ist er nur auf Bewährung
frei! Erst am 25. August 1998 läuft die Frist ab. "Der gefährlichste
Postkartenschreiber der Welt" sei er, sagt der Freigänger spöttisch.
"Vorsicht, der Täter ist bewaffnet!" heißt es in einer autobiographischen
Notiz, "nämlich mit Grips, Rechtschaffenheit und Mumm."
Copyright © 1996 Die Welt
*Der idiotische Titel stammt nicht von Herrn Daiber, sondern von einem
Döskopf.

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